DIE ANDERE ERINNERUNG

Sven (19) ist auf den Spuren verfolgter homosexueller Männer in der Gedenkstätte Bergen-Belsen

 

Wenn es um die Greueltaten der Nationalsozialisten geht, wird die Verfolgung schwuler Männer manchmal vergessen. Sven (19), der sein FSJ Politik in der Gedenkstätte Bergen-Belsen macht, möchte dies gerne weiter in den Fokus rücken. „Wenn man bedenkt, dass der von den Nazis verschärfte Paragraph 175 bis in die sechziger Jahre nachwirkte und in entschärfter Form noch bis 1994 anhielt, kann man verstehen, dass ältere schwule Männer nach wie vor Probleme haben, zu ihrer Sexualität zu stehen,“ sagt Sven. Dass viele der Männer, die die Konzentrationslager überlebt haben, nach wie vor keine Entschädigung bekommen haben, macht ihn außerdem wütend.

 

Da Sven schon nach kurzer Zeit in seinem FSJ mit Führungen für Schulklassen durch die Gedenkstätte begonnen hat, lag es nahe, so einen Rundgang auch zum Thema „Verfolgung homosexueller Menschen“ anzubieten. Eingebettet sein wird dieser in einen ganzen Studientag dazu. Auf die Idee kam Sven durch seine Teilnahme an Gruppen des Andersraums - ein Zentrum für lesbisches, schwules, bisexuelles, transidentes, intersexuelles, queeres und ganz allgemein nicht-heteronormatives Leben in Hannover. Sven möchte den Studientag deshalb mit den Gruppen des Andersraums machen.  Im Juli wird es dann soweit sein.

 

Arbeit in einer Gedenkstätte – ist das nicht auf Dauer sehr belastend? „Eigentlich nicht, weil mein Interesse daran einfach stärker ist als die emotionale Belastung,“ sagt Sven. Da er in der Schule Geschichte als Leistungskurs belegt hatte, fand er es interessant, sich auch mit Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. „Wenn mich etwas wirklich stark bewegt, rede ich mit meinem Freund drüber, laufe mit dem Hund spazieren oder geh bouldern,“ erzählt er. „Und außerdem weiß ich, dass meine erfahrenen Kolleg*innen immer ein offenes Ohr für mich haben.“

 

Sven ist im Übrigen einer der wenigen aus seiner FSJ Politik Regionalgruppe, der kein Abi hat. Er ist bis zur zwölften Klasse zum Gymnasium gegangen und hat dann erstmal in einer Bäckerei „Brötchen verkauft, um sich seine Brötchen zu verdienen“, wie er augenzwinkernd sagt. Als er vom FSJ Politik gehört hat, hat er sich sofort angesprochen gefühlt. Ist sein Schulabschluss in seinem FSJ oder für seine Mitfreiwilligen ein Thema? „Eigentlich nicht,“ erzählt er. Nur hat er neulich einmal eine Führung für Schüler*innen des zwölften Jahrgangs gemacht und sich im Vorfeld gefragt, was die wohl aus dem Geschichtsunterricht wissen und ob sein Wissen für deren Niveau wohl ausreichend wäre. Die Frage stelle er sich aber auch, wenn er Erwachsene über das Gelände führt – „Das hängt dann aber einfach mit dem Alter und nicht mit dem Schulabschluss zusammen.“ Und bis lang ist Sven noch allen Herausforderungen gerecht geworden.

 

Seine Kolleg*innen aus der Gedenkstätte jedenfalls sind sehr froh, dass Sven sich dieser Thematik angenommen hat, denn eine Vertiefung war hier dringend notwendig.

 

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