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Ducs Nordstadttour durch Hildesheim

 

Das Abschlussseminar organisieren die Teilnehmer*innen im FSJ Politik und im FSJ Kultur weitestgehend selbst. Besonders hier haben sie die Möglichkeit, Workshops, Aktionen und Themen nach ihren Interessen zu gestalten und für die anderen anzubieten. Duc ist in der Hildesheimer Nordstadt aufgewachsen, einem Stadtteil der als „sozialer Brennpunkt“ beschrieben wird. Daher war es Duc ein Anliegen, möglichst viele Aspekte von seinem Stadtteil den anderen Freiwilligen vorzustellen.

Er zeigte seine Schulen, die Asylunterkunft im Stadtteil, eine Moschee und viele weitere Plätze seiner Kindheit und Jugend. Seinen Bericht über die Führung könnt ihr hier lesen:

 


 

Asozial – Ein Wort, das oft fällt, wenn man Menschen aus der Region Hildesheim fragt, was ihnen zu der Hildesheimer Nordstadt einfällt. Viele Menschen gehen diesem Stadtteil grundsätzlich eher aus dem Weg. Sei es wegen der angeblich höheren Kriminalität, oder auch wegen des jüngst an den Stadtteil durch die Medien verliehenen Titel als „Keimzelle des radikalen Islamismus“. Die Nordstadt steht dabei allerdings nicht alleine, fast jede*r kennt in seiner Umgebung einen Stadtteil, den er*sie eher meiden möchte. Die Liste ist
lang, von Vierteln wie Wedding und Neukölln in unserer Bundeshauptstadt Berlin, bis zu Vierteln wie Vahrenheide oder Sahlkamp in unserer Landeshauptstadt Hannover: Das alles sind Viertel, in denen man von vielen Menschen und den Medien wahrscheinlich dieselbe Meinung wie oben geschildert zu hören bekommen wird. Zwei Schlagworte dazu, die teilweise auch als Kampfbegriffe genutzt werden, sind einmal „Sozialer Brennpunkt“ und „Parallelgesellschaft“.

Worte, bei denen ich mich selbst als gebürtiger Hildesheimer, der in der Nordstadt aufgewachsen ist, die Frage gestellt habe, welche Menschen da über diese Lebenswelt urteilen, die für viele Menschen tagtäglich selbstverständlich ist. So sehr ich diesem Begriffen entgegen stehe, musste ich jedoch im vergangenen Jahr meines FSJs in der Politik lernen, dass tatsächlich wenig aus den Vierteln nach draußen dringt und es in der öffentlichen Debatte, über alle Gesellschaftsschichten und politischen Denkrichtungen hinweg und so auch im FSJ Umfeld üblich ist, dass eher von außen über diese Stadtteile geurteilt wird, als dass man versucht, sich dieses zu erschließen. Bei diesem Gedanken kam mir die Idee, dass ich, wenn ich schon einmal in dem Umfeld bin, den Versuch machen sollte, „meinen“ Stadtteil Nordstadt aus Sicht eines Nordstädters zu erklären.

 

Glücklicherweise wurde mir dafür der Raum auf dem Abschlussseminar gegeben, gemeinsam mit einer Gruppe von etwa 15 Teilnehmenden eine Führung durch die Nordstadt durchzuführen. Dabei versuchte ich, möglichst verschiedene Aspekte der Nordstadt mit Stationen logisch zu verbinden. Es ging um Punkte wie der Schwierigkeit ,in Deutschland einzuwandern oder auch von seinem Asylrecht Gebrauch zu machen – entgegen der öffentlichen Meinung. Dazu zeigte ich dann beispielsweise die Asylunterkunft in der
Senkingstraße in der Nordstadt. Dort ging es weiter über das allgemeine Miteinander und Zusammenleben und der Jahre, wie es den Migrant*innen so ergeht, wenn sie es dann geschafft haben, hier eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, was wir laufend durch die Nordstadt an verschiedenen Stationen, wie der Steuerwalderstraße – der Hauptstraße des Stadtteils – erörterten. Es ging dann weiter mit den Schwierigkeiten, die dann anschließend die „Kinder mit Migrationshintergrund“ haben, wenn sie hier aufwachsen, wozu wir auch bei meinen beiden ehemaligen Schulen Halt machten. Auch diskutierten wir über das Entstehen von radikalen Meinungen vor den ehemaligen Räumlichkeiten der berüchtigten Moschee des „Deutschsprachigen Islamkreis e.V.“, der mittlerweile verboten ist. Beendet haben wir die Tour dann an einem nicht ganz so bedrückenden Ort, sondern mit dem Friedrich Nämsch Park an einem der zentralen Orte meiner Kindheit, wo ich noch einen kurzen Ausblick über die weitere Entwicklung des Stadtteils gab. 

Ich war meinerseits sehr überrascht, wie sehr sich die Teilnehmer*innen auf die erstmal doch sehr fremdartige Welt einließen. So ist die Nordstadt sicherlich eher ein Viertel, in dem viele Menschen erstmal eher nicht reingehen würden, wenn sie es nicht müssten. Das, worum es mir ging, wurde daher erreicht - Ich habe versucht, einen Standpunkt und eine Lebenswelt zu beleuchten, die in der Politik und in der öffentlichen Debatte meiner Meinung nach noch immer viel zu kurz kommt. Das wird auch gerade deutlich, wenn man sich das Wahlverhalten dieser Menschen anschaut: Die Wahlbeteiligung liegt zum Teil 20-30 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Viele Menschen haben hier das Gefühl, nicht wirklich von der Politik erreicht zu werden, genauso viele Menschen haben hier das Gefühl, dass der Staat sich nicht für sie interessieren würde - was unter anderem Nährboden für extremistische Meinungen sowie für ein weitgehendes Gefühl der Perspektivlosigkeit schafft.

Ich weiß noch, wie viele alte Freunde von damals anzweifelten, wieso ich mein FSJ in der Politik machen würde, oder wie viele ungläubig fragte, ob ich da als "Ausländer einfach so reinkomme". Auf wenn die Nordstadt jetzt sicherlich eher noch ein kleinerer "Brennpunkt" war, so herrschen auch hier Probleme, die die Boulevardpresse besonders gerne und oft zur Stimmungsmache aufgreift. Mit meiner Tour habe ich versucht, diese Orte und diese Lebenswelt von innen zu erklären. Auch wenn wohl nicht immer alles zielgenau erklärt oder schlüssig war, so hoffe ich dennoch, Menschen, die damit sonst nicht direkt in Berührung kommen würden, diese Lebenswelt ein wenig zu erschließen.

Und auch das ist ein Grund, wieso ich mein FSJ mache.

 

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